Wie viele Transportkilometer liegen so auf dem Tisch?

Im Dialog-Referat in der Gedankenkantine der Fabrik Für Immer zu Gast war Sabine Bingenheimer, Gründerin der Lebensmittelmarke Regionique.

Im Jahr 2019 fragte sie sich, welche Entfernungen die Lebensmittel, die bei ihrer Familie auf dem Tisch liegen eigentlich zurücklegen. Ihr fiel auf: besonders verarbeitete Lebensmittel, wie der morgendliche Müsli der Familie Bingenheimer lassen keinen Schluss auf die wahre Herkunft der Rohstoffe zu. 

Sie recherchierte und begann ein Tagebuch über die Transportwege der Lebensmittel zu führen. So kam raus, dass der Schokomüsli ihrer Tochter gut und gerne mal 50.000 Transportkilometer auf dem Buckel hat.

Und das Problem war erkannt: es fehlt an einem regionalen Lebensmittelangebot, welches explizit die Transportkilometer und die Herkunft der eingesetzten Rohstoffe ausweist. Die Idee einer Gründung entstand und so gründete Sabine Bingenheimer im Jahr 2019 Regionique.

Sabine Bingenheimer, Regionique

Wie es fortan weiterging, welche Handelspartner Regionique listen und wie viel ein regionaler Müsli im Vergleich zu einem „herkömmlichen“ Müsli kostet, hört ihr im Podcast mit Sabine. 

Hier das Gespräch zum Ansteuern:

00:38 Intro
01:50 Über Regionique
02:20 Wo war das Problem?
04:30 Wie ernährt man sich mit wenig Transportkilometern?
05:31 Transportkilometer beim Frühstück
07:02 Wie entwickelte sich das Geschäftsmodell?
10:26 Warum kein BIO?
11:46 Wie viele Kilometer spare ich mir?
13:41 Infoblock
17:47 Was kostet ein regionaler Müsli?
19:55 Ist die Verpackung auch eingerechnet?
20:43 Über den Markteintritt
22:26 Ein Investor bei Regionique
22:58 Was ist eigentlich regional?
25:30 Verabschiedung

Viel Spaß und Sinn!


Das Thema regionale Produktion ist letztlich eine Antwort auf die globalen Lieferketten, die im Laufe der Industrialisierung entstanden sind. Aber wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Bereits Mitte des 19 Jahrhunderts entstanden die ersten Kornkammern der Erde. Also Regionen, die weit über den Eigenbedarf Getreide produzierten.

Die USA waren die erste, Argentinien und Australien folgten. Dort war reichlich Platz für eine industrielle Landwirtschaft.

Interessant dabei: entlang dieser Kornkammern wurden die Handelswege gebaut, Eisenbahnlinien und Schifffahrtsrouten.

Die Nachfrage nach Getreide insgesamt stieg mit zunehmender Industrialisierung immer mehr an, auch aus den Kornkammern der Welt.

Der Grund dafür: ein stark steigendes Bevölkerungswachstum.

1950 gab es ungefähr 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, heute im Jahr 2021 gibt es 7,8 Milliarden. Das nennt man analoge Skalierung, Faktor 3 im Bevölkerungswachstum in nur 70 Jahren, in einer Generation!

Oder ein anderer Vergleich:

Im Jahr 1950 gab es 30 Städte mit mehr als 1,5Mill Einwohnern.

Im Jahr 2015 gibt es mehr als 300 Städte mit mehr als 1,5Mill Einwohnern. Ein Zuwachs um Faktor 10!

Was hat das jetzt mit globalen Lieferketten und Transportkilometern zu tun?

Immer mehr Menschen leben in Städten. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen auf bearbeitete Lebensmittel setzen, wie in diesem Fall ein gemischtes Müsli. Es bleibt neben der Arbeit und sonstigen urbanen Verpflichtungen einfach wenig Zeit für jagen und pflanzen. Und wir Verbraucher:innen wollen darüber hinaus unseren gesamten Einkauf auf einmal erledigen.

Die Folge: das Angebot im beispielsweise im Supermarkt hat sich in den vergangenen 50 Jahren vervierfacht.

So gibt es in einem deutschen Supermarkt heute durchschnittlich 11.000 Produkte  zu kaufen.

Das Kampf ums Regal ist also hochkompetitiv. Und der Produktpreis ist traditionell Kaufentscheider Nummer 1.

Nun sind wir in einer arbeitsteiligen globalisierten Welt unterwegs, die Handelsrouten sind breit, sie haben, wie wir lernten eine lange Tradition und der Transport ist vergleichsweise günstig, weil der Wettbewerb sehr hoch ist und die ökologischen Kosten, die der Gütertransport verursacht noch nicht in den Preisen eingerechnet sind.

Und das bedeutet auch, dass Nahrungsmittelhersteller immer größere Teile ihrer Produktion ausgelagert haben. Ernte da, Verarbeitung dort, Verpackung drüben, Lagerung dahinten und Verkauf hier.

Ob und in welchem Ausmaß dieses System zukünftig resilient ist gegenüber dem Klimaschutz oder auch Pandemien, wie wir jetzt eine erleben wird sich zeigen, Ausgang ungewiss.

Mehr über die Faszination und Perversion globaler Lieferketten regelmäßig in der Fabrik Für Immer. Schreibt uns gerne, welche Wirtschafts-Themen ihr hier lesen und hören möchtet: info@fabrikfuerimmer.com.

Wöchentlich am Donnerstag, oft ein zweites Mal am Sonntag: eine neue Podcast-Episode über eine nachhaltige Wirtschaft.

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